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Drachen verzaubert
by Grace Goodwin & Becca Brayden
Kapitel 3
KAPITEL 3
Raven
Raven saß im Wartebereich, die Finger um einen Kaffeebecher gelegt, dessen Inhalt längst kalt geworden war. Das grelle Neonlicht summte über ihr und tauchte alles in einen sterilen, künstlichen Schein.
Dann kamen sie herein.
Eine Gruppe Männer, groß, kraftvoll, mit einer mühelosen Herrschaft über den Raum. Ihre maßgeschneiderte Kleidung saß zu perfekt und strahlte Reichtum und Autorität aus. Jede Krankenschwester, jeder Wartende drehte sich nach ihnen um. Selbst Raven konnte nicht wegsehen.
Sie bewegten sich mit tödlicher Anmut, jeder Schritt voller Selbstsicherheit. Einer von ihnen, ein Mann mit scharfen, fast schwarzen Augen und einer gefährlichen Ausstrahlung, sprach mit gedämpfter Stimme mit einer Krankenschwester. Sie nickte, der Blick glasig, als würde etwas Unsichtbares sie dazu zwingen.
Ravens Herz begann heftig zu schlagen. Sie mussten wegen ihm hier sein. Wegen des Mannes, den sie an den Klippen gefunden hatte. Mehrere von ihnen hatten dasselbe silberblonde Haar. Aber die Augen des verletzten Mannes waren grün gewesen. Diese Männer hatten Augen wie Gletscher, einer eisblau und genauso kalt, der andere dunkel wie die Nacht. Ihr Bauchgefühl sagte ihr, dass sie es hier mit mehr zu tun hatte als mit einer gewöhnlichen Gang. Das hier war organisiert. Gefährlich. Kontrolliert.
Der dunkeläugige Mann wandte sich ihr zu. Er trug Schwarz von Kopf bis Fuß. Sein Haar war dunkel, reichte ihm über die Schultern und war im Nacken zusammengebunden, in einem Stil, der vermutlich vor ein paar hundert Jahren hochmodern gewesen war. Er wirkte fehl am Platz. In der falschen Zeit.
Sie verschwanden in einem der Krankenzimmer. Dann schrien Krankenschwestern. Ein Alarm ging los.
Sie sprang auf und versuchte, jemanden zu fragen, was passiert war. Das Krankenhauspersonal ignorierte sie.
Unruhig lief sie auf und ab, bis der schwarzhaarige Mann und einer der anderen wieder durch die Eingangstüren hereinkamen. Augen, schwarz wie Mitternacht, bohrten sich in ihre. Sie machte einen Schritt nach vorn, noch bevor sie begriff, dass sie sich bewegt hatte.
Er blinzelte. Langsam. In seinen Augen lag der Tod.
Dann … nichts.
Stunden später …
Sonnenlicht fiel durch ihre Windschutzscheibe. Raven blinzelte benommen, den Kopf gegen den Autositz gelehnt.
Sie saß in ihrem Wagen. Geparkt an derselben Stelle vor ihrem neuen Objekt. Als sie zur Seite blickte, entdeckte sie die Drohne, mit der sie die Luftaufnahmen des Grundstücks gemacht hatte, sicher auf dem Beifahrersitz. Sie griff nach dem Gerät und prüfte das Video, um sicherzugehen, dass sie alle wichtigen Bereiche erwischt hatte.
Ja. Perfekt. Aber diese Verspannung in ihrem Nacken war brutal, als wäre sie stundenlang weggetreten gewesen.
Sie runzelte die Stirn. War sie eingeschlafen? Die Erinnerungen waren verschwommen, bruchstückhaft. Irgendetwas mit Männern in teuren Anzügen, einer gebieterischen Ausstrahlung, einem unheimlichen Sog …
Ein Traum? Musste so sein. Einfach ein seltsamer, verrückter, erschreckend lebendiger Traum. Sie überprüfte auf ihrem Handy die Drohnenaufnahmen. Die Luftansicht des Objekts, das sie anbieten sollte, war perfekt. Trotzdem fühlte sich irgendetwas falsch an.
Wann war sie eingeschlafen? Das passte gar nicht zu ihr. Sie konnte sich nicht einmal daran erinnern, müde gewesen zu sein. Wahrscheinlich lag es an den vielen Extrastunden, die sie in letzter Zeit geschoben hatte. Das war ihr erstes großes Immobilienangebot, und sie hatte unzählige Stunden hineingesteckt. Wenn sie den richtigen Käufer fand, würde sich das Anwesen praktisch von selbst verkaufen. Wenn sie ehrlich war, war es ihr Traumhaus. Sie hatte sich damit abgefunden, sich so ein Zuhause vermutlich nie leisten zu können, aber sobald sie die Provision für diesen Verkauf bekam, könnte sie ein Angebot für ein hübsches kleines Cottage in der Stadt machen.
Irgendjemand würde dieses beeindruckende Haus ganz sicher kaufen. Jede Menge Wohnfläche, sieben Schlafzimmer, ein echter, altmodischer Ballsaal für Empfänge, eine Küche, die für einen Meisterkoch entworfen worden war, und das gesamte Anwesen war so gebaut (oder besser gesagt modernisiert), dass es vollkommen autark funktionierte: Solarstrom, eigener Wasserzugang, ein riesiger Garten, viel Land, ein hochmodernes Sicherheitssystem, ein Hubschrauberlandeplatz für bequemes Reisen. Die Ausstattung war schlicht überwältigend. Das Haus selbst war nicht nur riesig, sondern wunderschön, und der Blick von den Klippen hinunter auf den Ozean war fantastisch. Mit ein wenig Kletterei konnte man bis in die Nähe des Wassers hinuntergelangen und dort in friedlicher Einsamkeit sitzen, nur begleitet vom Donnern der Brandung. Ein wenig abgelegen, ja, aber daran könnte sie sich gewöhnen. Vor allem, wenn sie jemanden hätte, mit dem sie all das teilen konnte.
Smaragdgrüne Augen blitzten in ihrer Erinnerung auf.
Sie schüttelte den Kopf, amüsiert über ihre Fantasie, die mal wieder mit ihr durchging. Doch das Bild blieb. Hör auf zu träumen und konzentrier dich auf die Straße! Niemand hat solche Augen.
Während sie die schmale Schotterstraße zurück in die Stadt entlangfuhr, versuchte sie, das beunruhigende Gefühl zu ignorieren, das ihr den Rücken hinaufkroch. Niemand hat solche Augen.
Zwei Wochen später...
Der Wind peitschte über die Klippen, salzig und schneidend kalt. Raven stand reglos auf der Anhöhe und blickte auf genau die Stelle hinunter, an der sie den sterbenden Mann gefunden hatte. Sie verschränkte die Arme fester vor der Brust, den Blick auf den Boden unter ihr gerichtet. Sie fror erbärmlich, die kalte Seeluft schnitt durch ihre Bluse und Hose wie tausend winzige Messer.
Sie hatte nicht vorgehabt, so lange hier draußen zu bleiben. Aber als sie die Klippen erst erreicht hatte, brachte sie es nicht über sich zu gehen. Nicht, sich geschlagen zu geben.
Sie hatte einen ganzen Tag verloren, und niemand glaubte ihr. Sie hatte sich beinahe selbst davon überzeugt, den Verstand zu verlieren, bis sie die Zeitstempel auf den Drohnenaufnahmen gesehen hatte.
Wie oft hatte sie sich das Videomaterial der Drohne inzwischen angesehen? Hundertmal? Noch öfter?
Öfter. Viel öfter.
Und trotzdem hatte sie keine Antworten. Keine Spur. Keine Krankenhausunterlagen. Keine Polizeiberichte. Keine Zeugen. Nichts.
Na ja, nichts außer einem meisterhaft bearbeiteten Video mit Zeitstempeln, die fast vierundzwanzig Stunden auseinanderlagen. Das Video begann an einem wunderschönen, kühlen Abend … der Sonnenstand war beinahe perfekt, die gleitenden Aufnahmen vom Meer und den Klippen dramatisch. Die Nordlichter im Hintergrund? Atemberaubend. Fast hätte sie sich selbst davon überzeugt, dass sie sich das alles nur eingebildet hatte. Die fehlende Zeit. Den verletzten Mann. Den Moment, in dem die Drohne über seinen blutigen, schwer verletzten Körper geflogen war und die Livebilder an ihr Handy geschickt hatte.
Aber sie hatte nachgesehen, das Material überprüft. Und da waren sie: zwei Datumsstempel. Die Uhrzeit? Nur wenige Minuten auseinander, beinahe perfekt. Solange niemand in den Metadaten des Videos herumwühlte und entdeckte, dass Anfang und Ende an zwei verschiedenen Tagen aufgenommen worden waren.
Jemand hatte das Video manipuliert und den Mann gelöscht. Irgendwie hatten sie auch ihre Erinnerung daran gelöscht und sie ahnungslos zurück in ihr Auto gesetzt.
„Zeitreisen konnten diese Dreckskerle aber nicht, oder?“ Sie fühlte sich entblößt. Verwirrt. Völlig durch den Wind. Wie konnte man einen ganzen Tag verlieren?
Als die Erinnerungen zurückkamen, hatte sie versucht, sie sich auszureden. In ihrem Auto war kein Blut gewesen, auch nicht auf ihrer Kleidung. Kein einziger Beweis dafür, dass sie einen riesigen Mann von den Klippen bis zu ihrem Wagen geschleppt und dann wie vom Teufel gejagt zum nächsten Krankenhaus gefahren hatte. Kein Haar saß falsch. Sie hatte nicht einmal blaue Flecken oder Muskelkater.
Fast hätte sie wirklich geglaubt, dass das Ganze tatsächlich nur der Traum gewesen war, nach dem es aussah. Bis vor zwei Tagen. Sie war nach einer Besichtigung über das Grundstück gegangen und hatte die Aussicht bewundert, als ihr Herz plötzlich vor Angst losraste, weil ein bestimmter Fleck aus Wildblumen und Gras in ihr Blickfeld geriet. Sie hatte sich erwartungsvoll über den Rand der Klippe gebeugt, und als die Erinnerung an silbernes Haar und unnatürlich grüne Augen, Augen wie Smaragde, zurückkam, rang sie nach Luft.
Er war real. Darauf würde sie ihr Leben verwetten.
Sie hatte die örtlichen Behörden angerufen, das Krankenhaus, jeden Weg verfolgt, der ihr einfiel, um irgendeine Antwort zu bekommen. Aber es war, als wären der verletzte Mann und das gesamte Ereignis aus der Welt gelöscht worden. Kein Polizeibericht, keine Krankenhausakten. Sie war zur Wache gefahren, hatte dem Beamten in die Augen gesehen und keinen Hinweis auf eine Lüge entdeckt. Dasselbe bei der Krankenschwester im Krankenhaus.
Beide hatten sie nicht nur genervt angesehen, sondern auch mitleidig. Als wäre sie die Verrückte.
Und trotzdem erinnerte sie sich an den unbequemen Stuhl, auf dem sie im Wartebereich des Krankenhauses gesessen hatte, voller Sorge und Angst, dass er sterben würde, dass sie ihn zu spät gefunden hatte. Sie erinnerte sich an den bitteren Geschmack von lauwarmem, abgestandenem Krankenhauskaffee. Vor allem aber erinnerte sie sich glasklar an die Panik, die sie gespürt hatte, als sie einen lebensgefährlich verletzten Mann zu ihrem Auto schleppte, weil ihr Handy nicht funktionierte und ihr klar wurde, dass sie seine einzige Überlebenschance war.
Sie hatte ihre Handyverbindungsdaten durchgesehen. Kein Eintrag, dass sie den Notruf gewählt hatte. Auch das war verschwunden. Alles, womit sie hätte beweisen können, dass ihre Erinnerungen echt waren, war weg.
Das hieß, jemand hatte es gelöscht. Alles. Jemand mit mächtigen Verbindungen. Krankenhausakten. Polizeiakten. Telefondaten. Puff. Und der Polizist? Die Krankenschwester?
Sie fragte sich, wie viel Geld nötig war, damit mehrere Menschen praktischerweise vergaßen, dass ein halbtoter, blutender, verletzter Mann je existiert hatte.
Eine Menge.
Sie sollte dankbar sein. Erleichtert, dass niemand hinter ihr her war, dass sie nicht in irgendein kriminelles Netz hineingezogen worden war, über das sie zufällig gestolpert war. Normale Menschen schnitten keinen umwerfenden Mann auf und warfen ihn am Rand einer Klippe ab, den Elementen ausgeliefert, zum Sterben zurückgelassen. Eindeutig böse Jungs. Wirklich, wirklich üble Menschen, genau die Art von Menschen, vor denen sie quer durchs Land geflohen war.
Und trotzdem konnte sie es nicht loslassen. Konnte nicht aufhören, an ihn. zu denken. Sich zu fragen, wer er war und wie er dorthin gekommen war. Sich zu fragen, ob er noch lebte.
Sich zu fragen, ob er sich an sie erinnerte. Er war zu einem Geist geworden. Und zu einer Besessenheit.
Sie hatte sich diese Begegnung nicht einfach eingebildet. Sie hatte die Drohnenaufnahmen. Oder zumindest das, was davon übrig war.
Sie war in ihrem Auto aufgewacht und nach Hause gefahren. Aber in jener Nacht träumte sie. Selbst da hatte sie sich noch eingeredet, dass alles nur irgendein seltsamer Fiebertraum gewesen war, bis sie die Drohnenaufnahmen überprüfte. Die Zeitstempel der Videos.
Da fehlte Zeit. Sie war nicht verrückt. Ihr fehlte ein ganzer Tag.
Ihr logischer Verstand hatte die einzelnen Teile zu einer Erklärung zusammengesetzt, die Sinn ergab: organisiertes Verbrechen. Sie hatten sie unter Drogen gesetzt und in ihrem Auto abgeladen. Alle anderen bezahlt. Sämtliche Aufzeichnungen verschwinden lassen.
Nichts anderes passte. Denn sobald sie sich wieder an ihn erinnerte, kam der Rest Stück für Stück zurück. Die Fahrt ins Krankenhaus. Das Warten. Das Gespräch mit den Behörden. Das Kribbeln in ihrem Rücken, als diese Gruppe mächtiger, brutaler Männer hereinkam, als würde ihnen der Laden gehören. Der Dunkle, der sich über die Krankenschwester gebeugt und sie dazu gebracht hatte, verzückt zu blinzeln, als hätte sie genug Gras geraucht, um einen Elefanten umzuhauen. Die Art, wie diese Männer sich bewegten. Die teuren Anzüge.
„Lass es gut sein, Raven.“ Solche Menschen waren gefährlich. Sie war vergleichsweise unbeschadet davongekommen. Sie sollte so tun, als wäre es nie passiert, und einfach ihr Leben weiterleben.
Aber sie konnte nicht aufhören, an ihn zu denken. Konnte. Es. Nicht. Wenn sie die Augen schloss, träumte sie von ihm. Sah sein Gesicht. Diese Augen.
Sie war nie ein Mensch gewesen, der sich in etwas verrannte. Nie fanatisch, nie ein Fangirl. Prominente, Königshäuser, Sportmannschaften und all dieser Unsinn hatten sie nie interessiert. Sie hatte sich noch nie unfähig gefühlt, von jemandem oder etwas wegzugehen. Bis jetzt. Bis zu ihm.
Und deshalb stand sie nun hier, genau an derselben Stelle, starrte auf den leeren Fleck hinab, an dem er beinahe gestorben wäre, und suchte nach Beweisen. Nach Blut. Kleidung. Fußspuren. Einem abgebrochenen Blütenstiel oder niedergetretenem Gras. Irgendetwas, das bestätigte, dass ihre Erinnerungen real waren und nicht auf irgendeinen psychischen Zusammenbruch zurückgingen.
Sie sollte gehen. Weitermachen. Ihn einfach loslassen.
Sie konnte es nicht. Im Gegenteil. Mit jeder Sackgasse, jedem leeren Blick des Krankenhauspersonals, mit der Tatsache, dass es keine Akte über den Mann gab und auch keine Spur von der Aussage, die sie bei der Polizei gemacht hatte, wurde ihr Entschluss nur härter, ihn zu finden. Er war längst mehr als eine Besessenheit. Sie musste ihn finden, musste wissen, dass er lebte. Dieses Bedürfnis ergab keinen Sinn, aber inzwischen gehörte es zu ihr wie Durst oder Schlaf. Sie konnte nicht loslassen.
„Er braucht mich.“ Sie sagte es in den Wind hinein, ohne eine Antwort zu erwarten.
„Vielleicht.“ Eine Männerstimme. Eine kaum hörbare Bewegung hinter ihr jagte ihr einen Stromstoß durch den Körper.
Raven wirbelte herum, das Herz wild hämmernd.
Ein paar Schritte entfernt standen zwei Männer.
Nicht irgendwelche Männer. Dieselben Männer aus dem Krankenhaus. Dunkelheit und Licht.
Der eine war schlank, groß und wie im Krankenhaus von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, das dunkle Haar im Nacken zusammengebunden. Er hatte die Ausstrahlung von etwas Uraltem und Tödlichem, seine Bewegungen waren zu geschmeidig, seine Gegenwart zu lautlos. Seine scharfen Züge waren beinahe zu perfekt, kalt und schön auf eine Art, die in ihrem Kopf sämtliche Alarmglocken schrillen ließ. Er war ein eiskalter Killer. Sie war schon genug von ihnen begegnet, um den toten Ausdruck in seinen dunklen Augen zu erkennen.
Der andere war breiter, gebaut wie ein Soldat, mit hellem Haar und intensiven, eisblauen Augen. Er sah aus wie jemand aus dem Norden, wie einer, der einen guten Kampf und einen guten Witz gleichermaßen zu schätzen wusste, doch sein Blick war ebenso wachsam, ebenso gefährlich.
„Du musst mit uns kommen“, sagte der Dunkle, der Assassine.
Ravens Kehle wurde trocken.
Alles in ihr sträubte sich. Nein. „Ich gehe nirgendwo mit euch hin.“
Keiner der Männer blinzelte auch nur, doch es war der Blonde, der antwortete. „Leider, Miss MacInnes, ist das keine Bitte.“
Ihr Puls schoss in den roten Bereich. Sie kannten ihren Namen. Natürlich kannten sie ihn, verdammt noch mal.
Ihr Instinkt schrie, sie solle rennen, doch die Vernunft erstickte den Gedanken, bevor er richtig Gestalt annehmen konnte. Sie hatten sie gefunden. Sie verfolgt. Sich ihr gezeigt. Das bedeutete, dass sie längst entschieden hatten, dass sie ein loses Ende war.
Trotzdem bewegte sie sich nicht.
Sie sah ihnen nacheinander in die Augen und zwang Stahl in ihre Stimme, als sie sich direkt an den Todesbringer wandte. „Was wollt ihr?“
Der Dunkelhaarige, der aussah, als wäre er aus Marmor gemeißelt und mit etwas Kälterem als Eis zum Leben erweckt worden, neigte leicht den Kopf. „Jemand möchte mit dir sprechen.“ Er legte den Kopf schief, ein kaum wahrnehmbares Lächeln auf den Lippen, als würde ihn ihr Trotz amüsieren. „Wenn wir dich tot sehen wollten, wärst du es längst. Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Sagte die Spinne zur Fliege“, flüsterte Raven. Die grausamen Lippen des Mannes in Schwarz verzogen sich zu einem echten Grinsen.
Der Blonde, größer und breiter gebaut, sah sie mit unergründlicher Miene an und sparte sich jedes tröstende Wort.
Na gut, wenigstens machte er sich nicht die Mühe, sie anzulügen. Sie schluckte, während ihr Bauchgefühl schrie, dass das ein Fehler war. Aber welche Wahl hatte sie schon?
Ein paar Minuten später saß sie in einer Sikorsky S-92 VIP, einem Ungetüm von Hubschrauber, in dessen Luft noch ein schwacher Geruch nach Feuer und Gewürzen hing. Ihr Vater, Gott hab ihn selig, hatte alles geliebt, was fliegen konnte, und diese Liebe nur zu gern mit seiner einzigen Tochter geteilt. Sie hatten nie genug Geld gehabt, um mehr als ferngesteuerte Modelle zu besitzen, aber mindestens einmal im Monat waren sie losgezogen, um andere Enthusiasten zu treffen und gemeinsam den Tag zu genießen. Deshalb kannte Raven sich gut genug mit Fluggeräten aus, um den Langstrecken-Hubschrauber zu erkennen, der oft von Staatsoberhäuptern und Königshäusern genutzt wurde. Königshäusern.
Wem zum Teufel war sie auf die Füße getreten?
Ihre alte Schrottkarre wurde von dem dunkeläugigen Mann, dem stillen, der kaum zu atmen schien, zu ihrem Ziel gefahren. Zumindest hatte man ihr das gesagt.
Der Pilot, ein riesiger Mann, den die anderen „Lorien“ nannten, flog sie schweigend Gott weiß wohin. Keine Musik. Kein Summen. Kein Gespräch.
Eisblaue Augen hielten ihren Blick im Rückspiegel fest. „Er kann dich schlafen legen, wenn du willst.“
„Nein.“ Ihre Hände verknoteten sich in ihrem Schoß, als ihr blonder Entführer sich neben ihr auf dem Sitz bewegte. Er hatte gesagt, sein Name sei Talon. Wie genau wollte Talon das anstellen? Landen und ihr eine verpassen? Ihr irgendetwas spritzen? „Danke.“ Das letzte Wort fügte sie hinzu, weil sie ihrem Mund irgendeine Aufgabe geben musste, sonst hätte sie sich über ihr einziges anständiges Paar Schuhe übergeben.
Ihr Herz hämmerte ununterbrochen, seit die Rotorblätter des Hubschraubers zu surren begonnen hatten. Sie war so darauf konzentriert gewesen, die Wahrheit herauszufinden, dass sie nicht einmal gehört hatte, wie er überhaupt gelandet war. Sie musste dringend anfangen, besser auf ihre Umgebung zu achten.
Sie hatten sie nicht gefesselt, abgesehen davon, dass sie ihr geholfen hatten, den Sicherheitsgurt zu schließen. Sie hatten ihr nicht körperlich gedroht. Das mussten sie auch nicht.
Die stille Macht, die absolute Kontrolle in jeder ihrer Bewegungen, war furchteinflößender, als jede direkte Drohung es hätte sein können.
Sie versuchte, sich zu beruhigen. Versuchte, vernünftig zu denken. Versuchte, nicht mehr zu zittern.
Vielleicht wollten sie sie nur irgendeine Verschwiegenheitserklärung unterschreiben lassen. Vielleicht wollten sie ihr so viel Angst machen, dass sie den Mund hielt.
Oder vielleicht ...
Vielleicht würde sie gar nicht zurückkommen.
Talon bemerkte ihr Unbehagen und warf ihr eine Decke auf den Schoß. Dankbar wickelte sie sich darin ein und versuchte, ihre sehr dunkle, sehr beschäftigte Fantasie nicht durchgehen zu lassen. Sie flogen mehrere Stunden, bevor sie landeten, um aufzutanken. Vielleicht auch länger. Sie konnte es nicht sicher sagen, weil sie ihr Handy genommen hatten. Der blonde Mann, Talon, war umwerfend, und er hatte dieselbe vibrierende Energie, die ihre Haut kribbeln ließ und ihre Gedanken in ihrem Kopf durcheinanderjagte wie eine Horde Zweijähriger, die Kätzchen hinterherliefen. Er strahlte Macht und Selbstvertrauen aus, aber aus seinem Mund kam kein einziges verdammtes Wort. Nicht einmal, wenn sie ihm eine direkte Frage stellte wie wohin fliegen wir? Oder wer bist du?
Auf nur eine einzige Frage hatte er reagiert: ob der Mann, den sie an diesem Klippenrand gefunden hatte, noch lebte. Dafür hatte sie genau ein Wort bekommen. „Ja.“
Dieses eine Wort hätte nichts in ihr beruhigen dürfen, das so zersplittert und kaputt war, aber irgendwie tat es genau das.
Sie lehnte sich zurück und malte sich hundert verschiedene Szenarien aus, was passieren könnte, sobald der Hubschrauber landete, eins schlimmer und furchteinflößender als das andere. Sie waren irgendeine Mafiafamilie und der Mann, den sie gerettet hatte, war ihr Anführer. Oder der Sohn des Anführers. Vielleicht waren sie eine Einheit amerikanischer Spezialkräfte und der Mann, den sie gefunden hatte, war so etwas wie ein Navy SEAL. Oder ein MI5-Spion. Er arbeitete undercover für Interpol, und die Bösen hatten herausgefunden, dass er ein Agent war, ihn aufgeschlitzt und zum Sterben zurückgelassen. Oder vielleicht war er ein Drogenboss. Ein Waffenhändler. Ein geheimer Royal, der sich vor Auftragsmördern und Geheimdienstleuten versteckte. Ein Prinz.
Sie schnaubte. Talon sah zu ihr hinüber. „Geht es dir gut?“
„Nein. Ich werde gerade entführt.“ Sie verdrehte die Augen und sah aus dem Fenster. Dann schnappte sie nach Luft, als Lorien den Hubschrauber auf eine lange, gewundene Auffahrt zusteuerte, auf etwas, das sie nur als Schloss bezeichnen konnte. Ein gewaltiges, absurdes, wunderschönes Schloss hoch oben auf einer Klippe.
Das Anwesen war nicht einfach nur ein Haus. Es war eine Festung. Weitläufig und uralt, direkt in die Klippen hineingebaut.
Ihre Unruhe wurde schärfer, als Lorien landete. Talon sprang hinunter und half ihr, wieder festen Boden unter die Füße zu bekommen. Der andere Mann fuhr unten vor dem Haupteingang mit ihrem Auto vor. Offenbar hatte er die ganze Zeit mit ihnen mithalten können, aber wie zum Teufel er das gegen einen Hubschrauber geschafft hatte, der fast 320 Kilometer pro Stunde fliegen konnte, entzog sich jeder Erklärung.
Vielleicht war Lorien langsam geflogen.
Aber hey. Großartig. Wenn sie jetzt verschwand, würde ihr Auto gleich mit verschwinden. Obwohl, wer würde überhaupt nach ihr suchen? Niemand. Sie hatte einen neuen Job in einer neuen Stadt und keine neuen Freunde. Noch nicht. Nicht, dass sie diesen Leuten diese traurige Wahrheit erzählen würde. Wenn sie nicht zur Arbeit erschien, würden alle wahrscheinlich einfach annehmen, sie wäre in ihr altes Leben in Edinburgh zurückgekehrt.
Talon führte sie hinein, während Lorien und der dunkelhaarige Killer hinter ihnen Schritt hielten. Die anderen Männer verschwanden irgendwie. In einem Moment waren sie noch da, gingen dicht neben ihr. Im nächsten waren sie ... es nicht mehr.
Gott. Vielleicht verlor sie wirklich den Verstand.
Sie trat in die Burg und sah sich um. Marmorböden. Unbezahlbare Kunst in jeder Nische. Buntglasfenster, eingelassen in Granitwände, voller atemberaubender, detailreicher Bilder von Drachen und Sternenlicht. Flackernder Feuerschein, der alles noch unwirklicher machte. Steinbögen, die älter wirkten als die Zivilisation selbst.
Das war kein Mafia-Haus. Das war kein Geld aus Waffen, Drogen oder Prostitution.
Das war etwas viel, viel Schlimmeres. Altes Geld. Macht. Geheimnisse (oder Leichen), so tief vergraben, dass sie vielleicht niemals ans Licht kamen. Das waren Menschen, die die Welt aus den Schatten heraus regierten.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Worauf zum Teufel hatte sie sich da eingelassen?