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Drachen Ketten
by Grace Goodwin & Becca Brayden
Kapitel 3
KAPITEL 3
FREITAG NACHMITTAG
Katy stieg mit einem Seufzer der Erleichterung aus dem Flugzeug. Die warme Sommerluft umschmeichelte sie und das fühlte sich an wie eine höchst willkommene, tröstliche Umarmung nach der hektischen Fahrt nach Hause, um Emilys Sachen zu schnappen, und dem langen, langen Flug danach. Als sie so hin und her blickte zwischen den müden Reisenden, die mit hängenden Schultern und Ringen unter den Augen aus dem Flugzeug stiegen, und der kleinen Ansammlung von Menschen, die auf der anderen Seite des Flugsteigs ungeduldig aufs Einsteigen warteten, wurde ihr erst so richtig bewusst, wie geschlaucht sie wirklich war.
Hier sollte jemand sein, der sie abholen wollte. Oder besser, Emily abholen. Katy wusste nicht, was sie erwartete, also hatte sie sich vor der Landung kurz Zeit genommen, sich etwas frisch zu machen. Ein wenig farblosen Lipgloss und ein, zwei sorgsame Schwünge mit der Wimperntusche, die sie stets in ihrer kleinen Handtasche bei sich trug. Zum Glück brauchte sie sonst nicht viel, um sich herauszuputzen. Ihre Haut war von Natur aus glatt und rein. Ihr langes Haar war allerdings eine andere Geschichte. Sie konnte jetzt schon spüren, wie ein paar freche Locken sich aus dem kunstvoll hochgesteckten Knoten lösten, den sie auf ihrem Kopf aufgetürmt hatte. Ihr dickes, schweres Haar war schon an guten Tagen eigensinnig und an allen anderen regelrecht aufmüpfig.
Da sie so wenig Zeit gehabt hatte, um ihren Flug nicht zu verpassen, hatte Katy sich gegen das Umziehen entschieden. So trug sie immer noch den langen marineblauen Rock und die cremefarbene Bluse, die sie zur Arbeit getragen hatte. Sie nahm an, dass ihr geheimnisvoller Geschäftspartner sie hier in ihrer Büro-Kleidung eher ernst nehmen würde als in einem Paar bequemer Yoga-Leggings und einem T-Shirt. Emily hatte sie gewarnt, dass es sich hier um ernste Leute handelte. Geld aus altem Adel. Burgen und Schlösser. Millionen, vielleicht gar Milliarden von Dollar, die in Treuhand- und Investmentfonds steckten.
Altmodisch, hatte sie gesagt. Und eine solche Familie würde es nicht besonders schätzen, wenn man in Sportkleidung und Sandalen zu einem geschäftlichen Treffen erschien. Auch wenn sie gerade erst aus dem Flugzeug gestiegen war.
Erneut meldete sich eine nagende Sorge. Was genau hatte Em für diese Reise eingepackt? Sie waren vielleicht körperlich identisch, aber ihr Modegeschmack traf nicht immer überein. Wenn Emily nicht gerade in Krankenhausuniform steckte, hatte sie einen extravaganten Stil voll kräftiger Farben, während Katys Kleiderschrank ein Stillleben aus zweckdienlichen, seriösen Blau- und Beige-Tönen sowie koordinierten Business-Anzügen war. Die paar wenigen Kleidungsstücke, die sie für Freizeit und Spaß besaß, schienen irgendwie immer in Emilys Kleiderschrank zu landen. Katy schickte ein Stoßgebet an niemand bestimmten, dass zumindest ein paar ihrer eigenen Stücke es mit auf dieses Abenteuer geschafft hatten.
Zumindest einer der vier riesigen Koffer, die ich am Flughafen eingecheckt habe, wird doch wohl voller Schuhe sein? Das war das einzige, wo sich ihre Geschmäcker trafen. Schuhe machten die Welt schöner und wer die meisten hatte, der hatte gewonnen.
Während sie nach unten blickte und mit der Hand die Falten an ihrem Rock glattstrich, stieß sie beinahe mit einem sehr großen Mann zusammen. „Oh! Es tut mir so leid. Entschuldigen Sie bitte. Ähm … Mi scusi?“
Wo waren die plötzlich hergekommen? Wie konnte es sein, dass sie sie nicht bemerkt hatte?
„Buonasera, Signorina Toure. Willkommen zurück in Italien.“
Ach du liebe Scheiße. Die sind meinetwegen hier? Die ALLE?
Katy nahm sich einen Moment, um die Truppe zu mustern. Vier Männer, jeder davon von der Größe eines Kleiderschrankes. Selbst in ihren teuren Anzügen sahen sie aus wie Spione oder Soldaten, mit ihren dicken Muskeln, kurzen Haaren und dunklen Sonnenbrillen. Allesamt. Die beiden Frauen waren fast genauso groß und umwerfend schön.
Genetik konnte ganz schön unfair sein. Sie hatte schon immer so eine mediterrane Schönheit sein wollen. Und die Männer … die Männer waren genauso umwerfend. Kraftvoll. Und derjenige, der zu ihr gesprochen hatte, hatte atemberaubendes silbriges Haar. Durch seine dunklen Gläser hindurch konnte sie sehen, dass seine Augen smaragdgrün leuchteten. Sie sahen geradezu unecht aus. Trug er etwa Kontaktlinsen?
„Gibt es ein Problem, Signorina Toure? Ist Ihnen unwohl?“
Mist. Sie gaffte. Ein Problem? Ja, es gab ein Problem. Aber sie wagte nicht, auszusprechen, dass sie das Problem waren. Sie waren erschreckend groß, grimmig und umwerfend gutaussehend.
Ihr schauderte, als ihr plötzlich ein Verdacht kam.
Nicht die Mafia. Bitte, Emily, nicht die Mafia.
Katy holte tief und langsam Luft, und setzte ihr bestes falsches Lächeln auf. Ruhig bleiben. Nicht überreagieren. Du schaffst das.
Sie musste sich nur an die Regeln für erfolgreichen Zwillingstausch halten. Wenn jemand eine Bemerkung machte oder eine Frage stellte, die Emily verstehen würde, aber Katy nicht, dann würde sie ein, zwei Fakten über sich selbst einwerfen. Immer die Wahrheit sagen, sodass sie sich keine Lügen merken musste, über die sie später stolpern könnte. Und im schlimmsten Fall? Ablenkung.
“Buonasera, signore. Es geht mir gut. Danke. Ich meine, grazie.“ Katy zwang sich dazu, sich zu entspannen und die Anspannung zwischen ihren Schultern zu lockern. Emily hatte gesagt, dass diese Leute sauber waren, also musste sie ihnen einen Vertrauensvorschuss geben. „Ich fürchte, mein Italienisch ist schwach. Danke, dass Sie mich am Gate abholen. Ich hoffe, Sie hatten keine Schwierigkeiten, an der Security vorbeizukommen?“
Der silberhaarige Mann steckte ein Schild mit Emilys Namen in die Innentasche seines Anzugs zurück und schenkte ihr ein halbes Lächeln und ein winziges Nicken. „Flughafen-Security ist niemals ein Problem. Wir haben ein Arrangement. Man kennt mich unter dem Namen Vector und das hier“ – er deutete von links nach rechts auf seine Kumpanen – “sind die Drillinge Wolke, Frost und Fury. Blade und Ash hier sind Cousins. Wenn Sie bitte Ihr Handgepäck und Ihre Gepäckscheine an Fury hier übergeben, können er und Frost Ihr Gepäck holen, während wir anderen Sie zu Ihrem Auto begleiten.“
Ash? Fury? Blade? Was waren das denn bitte für Namen? Die sind eindeutig nicht echt. Vielleicht Militär-Codenamen? Also, Ash und Wolke sind vielleicht noch echte Namen. Ash könnte eine Kurzform von Ashley sein. Und Wolke, nun, das ist so niedlich, dass es schon wieder echt sein könnte. Frost könnte von Jack Frost kommen. Der Typ ist ja wirklich bleich wie Schnee. Aber Fury? Blade? Keine Chance. Die sehen aus, als hätten sie Nägel gefrühstückt. Gutes Aussehen und teure Kleidung können diese innere Härte nicht verbergen. Katy zappelte von einem Fuß auf den anderen, um die Schmerzen in ihren Füßen zu lindern.
„Gepäckschein. Richtig.“ Katy kramte in ihrer Handtasche nach dem Gepäckschein und überreichte ihn Fury mit einem Emily-mäßigen Grinsen voll guter Laune und Schalk. „Diesen Part hasse ich am Reisen, Sie nicht auch? Wenn Sie nichts dagegen haben, behalte ich diese eine Tasche bei mir. Da sind alle meine persönlichen Dokumente drin.“ Sie tätschelte ihr kleinstes Handgepäckstück mit Emilys Reisepass, den Tickets und ein paar Notwendigkeiten.
Fury verzog das Gesicht und wirkte völlig ungerührt. „Unsere einzige Priorität ist Ihre Sicherheit. Jedes Gepäckstück, das Sie bei sich tragen, könnte in einer Notsituation im Weg sein und uns alle gefährden. Besser geben Sie es mir, anstatt es zu verlieren.“
Katy packte ihre Tasche fester. Eine Notsituation? Was für eine Notsituation sollte es denn geben? Und warum brauchte Emily so viel Begleitschutz? Ein Chauffeur mit Wagen sollte doch ausreichend sein?
Ihre selbstbewusste Haltung geriet ein wenig ins Wanken und ihr Lächeln schwand. Diese Leute sahen alle gefährlich aus, aber Fury wirkte wie der Typ Mann, der seine Rage nur mit einem dünnen Faden in Zaum hielt.
„Lassen Sie sich von meinem Bruder nicht verunsichern, Signorina Toure“, sagte Wolke mit einem Lächeln, während sie vor Fury trat und ihn in den Bauch stupste. „Der ist immer so. Ich glaube, er ist immer noch ein wenig verbittert darüber, dass er der Jüngste ist. Natürlich dürfen Sie bei sich behalten, was Sie möchten. Wir sind zu Ihrem Schutz hier, nicht zu Ihrer Überwachung.“
Schutz? Worauf zum Henker hatte Emily sich da eingelassen? Atmen. Einatmen durch die Nase, ausatmen durch den Mund. Ihr Herzschlag wurde ein klein wenig langsamer und sie straffte die Schultern. Sie hatte vielleicht ein ruhiges Wesen, aber rumschubsen ließ sie sich nicht. „Zu meinem Schutz? Ich kann Ihnen versichern, ich brauche keine Babysitter. Ich kann auf mich …“
Fury fauchte durch zusammengebissene Zähne: „Wir sind keine Babysitter. Wir sind Hüter. Die tödlichsten …“
„Das reicht“, schnappte Vector. „Hol das Gepäck von Signorina Toure und fahr den Wagen vor. Wir treffen dich dann dort, nachdem sie durch den Zoll ist.“
Fury nickte steif, drehte sich um und stapfte davon, gefolgt von einem schweigenden Frost.
„Signorina, langsam wird uns die Zeit knapp. Bitte folgen Sie mir.“ Vector wartete nicht auf ihre Antwort, sondern machte einfach auf dem Absatz kehrt und ging auf eine Tür zu, die sie noch nicht einmal bemerkt hatte.
Katy hatte keine andere Wahl, als ihm zu folgen. Was auch immer hier vorging, sie hatte ihre Rolle zu spielen. Emily wollte, dass sie Papiere unterzeichnete, also würde sie das auch tun.
Ihre Absätze klapperten über den Fliesenboden, während sie sich bemühte, mit Vectors langen Beinen und seinen zielstrebigen Schritten mitzuhalten.
Wolke zu ihrer Linken hielt mühelos Schritt, während Blade zu ihrer Rechten postiert war. Die andere Frau in der Truppe, Ash, folgte schweigend hinter ihnen. Katy war auf allen vier Seiten umringt. Sie wollte wetten, dass nicht einmal die Königin von England sich jemals so gut beschützt gefühlt hatte.
Die VIP-Behandlung hörte aber bei Bodyguards und Gepäckservice nicht auf. Nachdem sie durch die abgelegene Tür hindurch gehuscht waren, kam nach wenigen Schritten ein Aufzug, mit dem es abwärts zu einer privaten Suite ging, die mit einer außerordentlich bequem aussehenden Couch und Erfrischungen ausgestattet war.
„Signorina Toure“, sagte Vector mit einem zufriedenen Lächeln, „ein Zollbeamter wird in Kürze erscheinen und Ihren Pass abstempeln. Machen Sie es sich bis dahin bitte gemütlich. Das hier ist eine private Suite. Niemand wird Sie stören.“
„Wunderbar. Vielen Dank.“ Katy gönnte sich eine gekühlte Flasche Wasser, dann setzte sie sich und holte ihr Telefon hervor. Blitzschnell hatte sie den Flugzeugmodus ausgeschaltet, um Emily eine Nachricht zu schicken. Ihre Finger flogen über die Tasten.
Katy: soeben gelandet. was sollen die bodyguards? bist du dir bei diesem deal sicher? nicht mafia, oder? hast du meinen badeanzug eingepackt?
Katy nippte an ihrem Wasser, während sie auf Antwort wartete. Sie sehnte sich danach, ihre Stilettos auszuziehen, sich die schmerzenden Füße zu reiben und sich dann auf der Polstercouch zusammenzurollen, aber sie widerstand der Versuchung. Sie hoffte, dass sie dafür nicht lange genug hier sein würde. Mit einem kurzen Summen forderte ihr Telefon ihre Aufmerksamkeit.
Emily: hey. viele wachen auch auf dem anwesen. keine sorge. relativ sicher keine mafia. immobilien-vermögen. kein badeanzug, sorry. bikini oder gar nichts. war auch ein wenig shoppen.
Katy runzelte verwirrt die Stirn, als ein zwinkerndes Emoji auf ihrem Bildschirm erschien. Bevor sie eine Antwort schreiben konnte, kam ein uniformierter Zollbeamter mit angespanntem Gesicht durch die Tür geeilt. Er stempelte ihren Pass ab, ohne mehr als nur einen raschen Blick auf sie zu werfen, und ging dann wieder.
Nachdem sie die Suite verlassen hatten, flitzten sie auf einem Elektro-Wagen durch den Flughafen. Katy saß wieder in der Mitte. Ihre vier ‚Hüter‘ umringten sie, Blick nach außen gerichtet, während Vector mit zielstrebigem, fast schon gefährlichem Tempo fuhr.
Sie war mehr als nur ein wenig überrascht, als er mit dem kleinen Wagen den Terminal verließ. Er hielt entlang einer langgestreckten Mercedes-Limousine an; die Hälfte des Gepäcks ihrer Schwester war noch auf dem Gepäckwagen aufgetürmt, während Fury gerade den zweiten Koffer einlud. Jeder Koffer war sorglos in schwarz-gelbes Sicherheitsband gewickelt worden. Ohne die Gepäckanhänger wäre es fast unmöglich gewesen, die Koffer überhaupt zu erkennen. Sie waren größtenteils zerstört. Sie konnte sehen, dass die Koffer kreuz und quer aufgeschlitzt worden waren, sodass man Kleidung, Kosmetikartikel und einen ihrer Lieblingsschuhe darin erkennen konnte.
Verdammt, sie hatte gewusst, dass ihre Schwester sich immer noch ihre besten Schuhe ‚auslieh‘.
„Was zum Henker ist mit meinen Koffern passiert?“ Schockiert und erschrocken blickte sie nach links und rechts. Niemand schien betroffen vom Zustand ihres Gepäcks, am wenigsten Vector.
„Machen Sie sich keine Gedanken, Signorina Toure. Wir passen auf Sie auf“, sagte Vector beifällig, dann stieg er vom kleinen Wagen und sprach mit Fury. „Gab es sonst noch Probleme? Ich hätte erwartet, dass du lange vor uns hier bist.“
Fury blickte grimmig drein. „Sie haben jeden Koffer von Hand durchsucht. Zweifach. Haben lieber die Seiten zerschnitten, als die Schlösser zu knacken. Aber sie sind alle freigegeben worden, also was auch immer die gesucht haben, haben sie nicht gefunden. Er wird davon erfahren müssen.“
„Sehe ich genauso.“ Vector blickte sich um. Er wusste genau, dass dieser ‚er‘, den Fury erwähnt hatte, niemand anders als ihr König war. „Sonst noch etwas, das ich wissen muss?“
„Das übliche.“ Furys Lippen wurden schmal. „Frost kümmert sich darum.“
Katy strich sich eine Locke hinters Ohr, hielt den Atem an und lauschte mit steigender Sorge. Vector hatte gesagt, dass sie sie beschützen würden. Aber vor wem? Lauerte hier eine echte Gefahr? Von wem redeten sie da? Eine eisige Angst kroch aus ihrem Magen nach oben und schlang sich um ihre Brust. Steckte Emily in Schwierigkeiten? War sie hier in Gefahr? In was zum Henker war sie, nein, waren sie BEIDE, hier verwickelt?
Vector nickte grimmig. „In Ordnung. Ladet die Koffer fertig ein und dann verschwinden wir von hier.“
Katy stieg aus dem Elektro-Wagen und ging auf die Limousinentür zu, die Vector für sie aufhielt. Als sie gerade in das angenehm klimatisierte Fahrzeug einsteigen wollte und schon mit einem Fuß eingestiegen war, stockte sie, als sie ein lautes Ratschen hörte.
Auf dem Boden lag eine aufgeschnittene Reisetasche ihrer Schwester. Das Klebeband, das den Stoff notdürftig zusammengehalten hatte, war glatt durchgerissen. Etwa ein Dutzend Unterwäsche-Sets lagen am Boden verstreut. Manche mit Spitze, manche mit String, allesamt koordiniert, und ein paar seidene Nachthemden und Negligés dazu. Katy ächzte und ihr Gesicht lief vor Scham feuerrot an. Sie drückte die Augen zu und zog den Fuß aus dem Auto hervor, dann rannte sie geradezu auf die herausgefallenen Kleidungsstücke zu, während ihre Beschützer sich bückten, um ihr beim Aufsammeln zu helfen.
„Schon gut. Schon gut. Ich mach das schon“, raunte Katy und stopfte die Teile so schnell sie konnte in die Tasche zurück. Sie riss ein rotes Samt-Negligé vom Boden hoch und bemerkte zu spät, dass ihre Schwester den weichen Stoff dazu genutzt hatte, um etwas anderes darin einzuwickeln. Eine lange, schlanke Schachtel rollte hervor und landete auf Vectors Fuß. In großen, gut lesbaren Buchstaben stand darauf: „Extrem Turbo Power Bullet mit Fernsteuerung.“
Katy keuchte auf und erstarrte, während einer nach dem anderen zwischen ihr und dem Bullet-Vibrator hin und her blickte. Zu Tode beschämt, mit feuerrotem Gesicht und brennenden Ohren, bekam sie kein Wort hervor. Emily hatte ein Sexspielzeug eingepackt und alle hier dachten, es gehörte Katy! Sie wollte im Boden versinken und für den Rest der Woche auch dort bleiben. Schließlich platzte sie ohne nachzudenken hervor: „Das … das gehört nicht …“
„Ihnen?“, lachte Wolke und zwinkerte Katy zu, während sie die Schachtel beiläufig aufhob und sie in Katys Tasche zurück stopfte. Sie half Katy mit dem Rest der Kleidung und flüsterte verschwörerisch: „Wer behauptete, dass Diamanten der beste Freund einer Dame sind, der hatte keinen Bullet.“
Katy konnte nur nicken. Es war ihr immer noch viel zu peinlich, um ein vernünftiges Wort rauszubekommen. Schon bald waren alle Koffer in die Limousine gepackt. Obwohl es sich wie Stunden anfühlte, war wenige Minuten später die ganze Gefolgschaft in der Limousine untergebracht und sie fuhren durch ein kleines Seitentor und fügten sich in den Verkehr ein. Lieber Gott, was kam als Nächstes? Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?
Sie hätte nicht fragen sollen.
Nach einer kurvenreichen Autofahrt, von der ihr ein wenig übel war, wurde sie in das finsterste, grässlichste Arbeitszimmer geleitet, das sie jemals gesehen hatte. Das Holz war dunkel. Der Boden war dunkel. Die Wände, die Vorhänge, selbst die Lampen schienen düster und erhellten das Zimmer nur sehr wenig. Die Kälte im Zimmer stand in scharfem Kontrast zu dem hellen, sonnigen Tag draußen. Sie musste an eine Höhle denken. Nur das tropfende Wasser und kreischende Fledermäuse fehlten.
Sie saß auf einem übergroßen Ledersofa und übte sich in Geduld. Vector hatte sie mit Wolke allein gelassen. Nach mindestens zwanzig Minuten ungemütlichen Schweigens kam Vector zurück ins Zimmer, mit der Haltung eines Mannes, der unter extremem Stress steht.
„Ich muss Sie um Verzeihung bitten. Wir werden die Verträge heute Abend noch nicht unterzeichnen können“, teilte er ihr mit, und in seiner Stimme schwangen Traurigkeit und Frust.
„Das geht schon in Ordnung. Ich verstehe es.“ Es war ihr ganz recht so. Sie wollte nun nichts weiter tun als aus diesen Schuhen zu schlüpfen, sich kurz zu duschen, damit sie munter wurde, und vielleicht einen kleinen Spaziergang durch das zauberhafte Dörfchen zu genießen, das sie auf dem Weg zum Anwesen durchs Autofenster hindurch gesehen hatte.
„Morgen früh? Sagen wir elf Uhr?“
„Ja, ich werde um elf Uhr bereitstehen.“ Sie bemühte sich, ruhig und professionell zu klingen, aber sie freute sich innerlich ungemein. Elf Uhr hieß, dass sie ausschlafen und sich Zeit lassen konnte. Vielleicht sogar eine Runde durch das riesige Anwesen drehen, von dem sie kaum etwas gesehen hatte, während sie durch die bewachte Garage und dann in dieses düstere Arbeitszimmer geschleust worden war. „Da Sie mich derzeit noch nicht brauchen, wäre es möglich, dass ich mich irgendwo frisch mache? Es war ein sehr langer Flug und ich würde gerne sehen, was von meinen Koffern noch zu retten ist.“
„Aber natürlich!“ Vector zuckte zusammen, als hätte sie ihn beschämt. „Wolke, begleite die Dame doch bitte auf ihr Zimmer und sorg dafür, dass sie alles hat, was sie braucht.“
Wolke nickte und streckte die Hand aus, um Katy zu deuten, dass sie ihr voraus aus dem Zimmer gehen sollte. Im Flur trat Wolke neben sie.
„Hier entlang.“ Sie führte Katy durch eine Reihe von Korridoren, die mit Wandteppichen und anderen Kostbarkeiten ausgekleidet waren, die bestimmt ein Vermögen wert waren. Sie schritten auf Teppichen, die wahrscheinlich mehr kosteten als Katy in einem Jahr in der Kanzlei verdiente. Je tiefer sie ins Schloss vordrangen, umso mehr fühlte Katy sich wie eine Gefangene.
„Darf ich das Schloss verlassen? Ich würde gerne ein wenig durchs Dorf spazieren. Ein bisschen Tourist spielen, shoppen gehen. Vielleicht auf ein Glas Wein?“ Es war noch recht früh. Sie konnte duschen, sich ein wenig hinlegen und hatte dann immer noch ein paar Stunden für sich, bevor sie zu Bett gehen und gegen ihren Jetlag ankämpfen musste.
„Oder einen Limoncello. Den müssen Sie probieren.“ Wolke kicherte. „Natürlich dürfen Sie sich umsehen gehen. Es wäre mir eine Ehre, Ihre Fremdenführerin zu sein.“
„Wir brauchen nicht das ganze Gefolge?“
„Nein, das brauchen wir nicht.“
Katy seufzte erleichtert darüber auf, dass sie der Intensität und dem protzigen Gehabe der Männer entgehen konnte. Und dem Zwillingstausch. Gott, sie hasste es, nicht ehrlich darüber zu sein, wer sie war. Durchgehend zu versuchen, ihre Schwester zu sein, war anstrengend. Emily schuldete ihr einen Gefallen. Einen riesengroßen.
„Ich wollte lieber nachfragen, da ihr am Flughafen so viele wart.“
Das Grinsen von Wolke wurde breiter. „Hier sind wir in unserem Revier. Niemand würde es hier wagen, Ihnen etwas anzutun.“
Im Gegensatz zu wo? Am Flughafen? Im Nachbarsdorf?
In was für einen Irrsinn hatte Emily sie da hineingeritten?
Tief unter der Erde bebte Ryker am ganzen Körper vor unterdrückter Begierde. Heftigen Energien. Höllenqualen. Sein Drache schabte ungeduldig mit unsichtbaren Krallen an seinem Inneren und zerrte an ihm, kämpfte gegen die schweren Ketten an, die ihn gefangen hielten.
Jetzt. Jetzt. Jetzt.
Die heftigen Emotionen des Drachen machten es ihm unmöglich, zu antworten. Also zog Ryker die Drachenketten noch fester um sich. Nur so konnte er die Wogen der Magie zähmen, die ihm von innen heraus entgegenschlugen.
Bleib ruhig, Drache. Wir werden sie finden.
Irgendwas war an Emily Toure anders. Sein Drache hatte es spüren können, sobald sie den Palazzo betreten hatte. Das Biest war durchgeknallt. Selbst jetzt konnte er sich kaum in die Gedanken des Drachen einklinken, musste mit jedem Atemzug darum kämpfen, ihn in Zaum zu halten. Die Kreatur hatte noch nie so hart gekämpft.
Gefährtin!
Dieses Wort ließ Ryker stocken. Gefährtin? Das war unmöglich. Er hatte Emily Toure schon vor Monaten kennengelernt. Hatte ihre Haut berührt. Hatte es seinem Drachen gestattet, ihren Duft wahrzunehmen. Sie war nicht seine Gefährtin.
GEFÄHRTIN! Das Brüllen des Drachen fühlte sich an, als würde es ihm von innen den Schädel spalten.
Vector kam ins Zimmer und der Drache brüllte eine Warnung.
„Beruhig dich, Bruder. Sie ist hier. Alles ist in Ordnung.“
Aber sie war nicht in seinem Haus. Nicht mehr. Er hatte gespürt, wie sie es verlassen hatte. Hatte den Moment genau erkannt, als ihre Energie, ihre Präsenz den Schutz des Familienanwesens verlassen hatte.
Mit einer Selbstdisziplin, die unter Jahrhunderten inneren Kampfes entstanden war, drückte er den Drachen tief hinunter in sein Innerstes und nahm seine Menschengestalt an. „Wo ist sie?“
„Mein König, sie wünschte, ein wenig Zeit im Dorf zu verbringen. Wolke und ein weiterer Hüter sind bei ihr.“
Meins! Der Drache kämpfte gegen Ryker an, wollte freigelassen werden, um ihr zu folgen.
Seiner Gefährtin.
Drachenflammen stiegen in seine Augen. Ryker konnte das Brennen fühlen, und Vector wich zurück.
„Brenn mir bloß nicht wieder die Haare vom Kopf. Sie ist in absoluter Sicherheit.“
Ryker kniff bedrohlich die Augen zusammen, während er eine Hand über seine Kleidung strich und per Drachenmagie seinen eleganten Anzug in etwas Bequemeres verwandelte. Eine legere schwarze Hose. Ein blaues Hemd, das besser in einen Club passte oder ein feines Restaurant. Die goldenen Ketten wie immer um seinen Hals. Die Elfenmagie in der Halskette war wohl das einzige, das mächtig genug war, um ihn davon abzuhalten, Emily Toure wie ein Biest in die Nacht zu verschleppen und zu seinem Eigentum zu machen.
Sein Drache krallte sich an sein Innerstes und wollte genau das tun, aber Ryker hatte ihn nun fest im Griff.
Schweig, Drache. Wir werden sie uns aneignen. Noch heute Nacht.
Rykers eiserner Wille konnte den Drachen beruhigen wie sonst nichts. Sie waren sich einig. Die Frau gehörte ihnen. War ihre Gefährtin.
Vector trat vor und guckte verwirrt. „Was ist los?“
„Ich gehe auf die Jagd.“