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Kapitel 1 - Warum hier?
Die Hafenstraße roch nach Salz, Diesel und Ebbe, was für den fünfzehnjährigen Finn Mercer ziemlich genau nach sechs Uhr morgens an einem Sonntag roch. Er las gerade das Kennzeichen eines Kühltransporters, der mit laufendem Motor an Pier Vier stand. Nicht, weil er den Laster verdächtig fand, sondern weil seine Augen so etwas einfach taten, so wie andere Leute mit den Fingerknöcheln knackten.
Sein vierzehnjähriger Bruder Jude schoss auf einem mattgrauen E-Bike an ihm vorbei und scheuchte eine ganze Versammlung Möwen auseinander.
„Das WLAN auf der Fähre ist schon wieder tot“, verkündete Jude, ohne langsamer zu werden und ohne zu erklären, warum er das überhaupt überprüft hatte. „Der ganze Hafen läuft mit Seetang und einem sehr müden Hamster.“
Finn holte ihn an der Kurve ein, wo die Arbeitsdocks in die Fähranleger übergingen. Die Sonne stand noch tief und grell am Himmel und legte eine dünne silberne Haut über das Wasser. In einer Stunde würde sich die Promenade mit Touristen in passenden Windjacken füllen, aber im Moment gehörte die Stadt den Lieferwagen, einem entschlossenen Jogger und zwei Brüdern, die die Ränder von Port Arbor behandelten wie eine Strecke, die ihnen zugeteilt worden war.
„Links oder rechts?“, fragte Jude und hielt am Stoppschild vollkommen reglos das Gleichgewicht, ohne einen Fuß abzusetzen, so wie er es zwei Sommer lang geübt hatte, nur um Finn wahnsinnig zu machen.
Finn warf einen Blick auf den Ladeplan, der an der Tür des Fischmarkts klebte. „Rechts. Der Laster von Anchor Line blockiert die Dockgasse bis sieben.“
„Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der die Lieferzeiten vom Fischmarkt auswendig kennt.“
„Einer muss es ja tun.“
Jude stellte seine Unterstützung eine Stufe höher. „Wette bis zur Treppe an der Konservenfabrik.“
„Kein Rennen. Beim Köderladen liegt loser Kies, da legst du dich hin.“
Aber Jude war schon weg, die Reifen summten, und Finn jagte ihm bereits hinterher, weil ihre Morgen nun einmal so funktionierten. Jude führte mit seinem Körper, Finn folgte mit seinen Augen, und zusammen kannten sie jede Abkürzung, jedes Schlagloch, jeden Hund, der bellen würde, und jeden Hund, der nur darüber nachdachte.
Port Arbor schmiegte sich an die Küste wie ein zusammengeklapptes Taschenmesser. Auf der einen Seite der Hafen, der sich um das Fährterminal bog. Auf der anderen steile, mit Kiefern bewachsene Hügel. Alles dazwischen, die Touristengassen, Fischmärkte und gepflasterten Lieferwege, konnte man auf zwei Rädern in zehn Minuten durchqueren, wenn man gut war. In acht, wenn man Jude war. Es war eine Stadt, die fürs Zu-Fuß-Gehen gebaut worden war, und deshalb eine miese Stadt, um schnell Auto zu fahren. Dafür musste man schon clever sein. Oder verzweifelt.
Sie rollten gerade am öffentlichen Parkplatz am Stern Wharf vorbei, als ein Schrei über den Asphalt riss.
Es war Chase Morgan. Er stand neben einer leeren Parklücke, eine Hand noch immer in der Luft, dort, wo das Dach eines Autos hätte sein sollen. Sein Mund stand offen. Sein ganzes Gesicht war wie leer, als hätte jemand das Signal abgeschaltet.
Der Wagen fuhr ohne ihn davon.
Es war das nachtblaue Cabrio, der Zweisitzer mit dem Stoffverdeck, den Chases Dad jeden einzelnen Sonntag in der Einfahrt von Hand polierte, als wäre dieses kleine blaue Auto eine Religion. Jetzt schoss es ruckartig rückwärts aus der Parklücke und rammte eine Mülltonne so heftig, dass sie über den Parkplatz wirbelte und der Deckel davonflog.
Der Fahrer trug eine dunkle Windjacke und eine tief ins Gesicht gezogene Basecap. Kein Gesicht. Nur schnelle Hände am Lenkrad und absolut keine Absicht anzuhalten.
Eine ganze Sekunde lang erstarrte Finn. In seinem Kopf lief sofort eine Liste ab. Gestohlenes Auto. Besetzt. In Bewegung. Gleich wird jemand angefahren.
Judes Kopf machte keine Liste. Judes Kopf traf eine Entscheidung. Er schaltete auf volle Unterstützung und schoss dem Cabrio hinterher, als hätte ihn irgendetwas abgeschossen.
„Jude!“ Finn war auch schon in Bewegung, die Reifen surrten, seine Beine holten eine Entscheidung ein, die sie offenbar längst getroffen hatten. „Jude, wir sollten das zuerst melden!“
„Bis die Zentrale einen Wagen hierherschickt, ist er schon auf der Küstenstraße!“ Jude legte sich an der Dock Street so hart in die Kurve, dass er fast einen Stapel Hummerreusen küsste. „Wir sind die Einzigen, die an ihm dran sind!“
Finn hasste es, dass die Rechnung aufging. Die Waterfront war leer bis auf ein paar Hafenarbeiter, die genauso gut auf dem Mond hätten sein können. Das Cabrio brach mit dem Heck aus, schlingerte auf die Harbor Row, und der Motor knurrte auf.
„Bleib außen“, rief Finn, während der Lenker unter seinen Handflächen zitterte. „Er nimmt gleich die Einfahrt zur Gasse mit.“
Genau das tat er. Das Cabrio schrammte an einem Metallgeländer entlang und hinterließ einen hellen silbernen Farbstrich darauf, dann quetschte es sich in den schmalen Spalt zwischen Fischmarkt und Fährbüro. Jude hinterher, geduckt unter einem Ladetor hindurch, das lose an einer einzigen Kette baumelte. Finn registrierte alles, ohne es zu wollen. Frische Schramme am Beifahrerkotflügel. Rechtes Rücklicht gesprungen. Fahrer über das Lenkrad gebeugt wie jemand, der dringend einen Bus erwischen musste.
An der Laderampe schob ein Arbeiter gerade eine Wanne mit zerstoßenem Eis heraus. Das Cabrio wich aus. Jude wich noch schärfer aus, ließ den Vorderreifen auf den Bordstein springen und wieder herunterkrachen, mit einem Ruck, der seine Kette klappern ließ wie lockere Zähne.
„Hast du ihn?“, brüllte Finn.
„Auf den Geraden hole ich auf. In den Kurven verliere ich ihn.“ Judes Knöchel waren weiß geworden. „Kurven sind Schummeln.“
Sie schossen hinaus in die Liefergasse hinter den Läden an der Promenade, und jetzt war der Morgen wach. Vor der Bäckerei tuckerte ein Lieferwagen. Vor dem Lebensmittelladen standen Kisten mit Salat, die in der Kälte feucht glänzten. Das Cabrio pflügte direkt durch einen Stapel Kartons und wirbelte Wellpappfetzen in die Luft wie einen Schwarm aufgescheuchter, hässlicher Vögel. Jude zwängte sich haarscharf zwischen dem Lieferwagen und einem geparkten Roller hindurch, während sein Motor beleidigt aufheulte.
Finn hielt zwei Fahrradlängen Abstand und zwang sich bewusst zu atmen. Irgendetwas daran störte ihn, selbst bei knapp vierzig Stundenkilometern. Der Dieb nahm ständig die falschen Straßen. Immer weg von den großen Hauptstraßen. Immer hinein in die engen Hintergassen, wo ein langes, flaches Auto nur Ärger bedeutete. Wenn man gerade ein Cabrio geklaut hatte und verschwinden wollte, jagte man es die Harbor Row hoch, bog auf die Küstenstraße ab und war weg. Dieser Kerl machte genau das Gegenteil von weg.
„Links in die Kettle!“, rief Finn.
Jude nahm die Ecke so scharf, dass sein Hinterreifen über einen glitschigen Film aus Fischschuppen wegrutschte. Er fing ihn wieder ab, sagte ein Wort, von dem ihr Dad so tat, als wüsste er nicht, dass sie es kannten, und trat weiter in die Pedale. Der Dieb hatte jetzt ebenfalls zu kämpfen. Der Seitenspiegel des Wagens schrammte an einem Granit-Eckstein entlang, klappte mit einem Knacken zurück wie ein durchgebrochenes Lineal, und dann ruckte das Cabrio nach rechts.
Weg vom Hügel. Weg von der Schnellstraße.
Zu den Gleisen.
Die Küstenbahn verlief am inneren Rand der Stadt, verborgen hinter einem Wall aus wucherndem Sumach und einem müden Maschendrahtzaun. Daneben zog sich ein geschotterter Wartungsweg entlang, den die Bahnarbeiter nutzten und donnerstags die Recycling-Laster. Das Cabrio holperte auf den Schotter, Steine spritzten hoch, und Jude setzte ihm nach, ohne auch nur zu blinzeln.
Der Weg wehrte sich. Loser Schiefer rutschte unter Finns Reifen weg. Jude war längst schneller, als Finn noch für sicher gehalten hätte, schlingerte einmal, zweimal, kippte beinahe mit dem ganzen Rad weg und tat es irgendwie doch nicht. Staub füllte Finns Mund. Irgendwo weiter vorn und links ertönte ein Zughorn, lang und tief, als würde der Tag sich räuspern.
Durch den Dunst sah Finn, wie der Fahrer nach unten blickte. Nur ein kurzes Zucken des Kopfes, zum Beifahrersitz, wo zwei flache schwarze Koffer unter einem dunklen Mantel eingeklemmt waren. Dann zur Uhr am Armaturenbrett. Das war nicht der Blick eines Mannes, der sich verfahren hatte. Das war der Blick eines Mannes, der prüfte, ob er noch im Zeitplan lag.
Lagerschuppen rückten näher. Signalkästen. Die Luft roch plötzlich scharf nach Kreosot und Rost. Vor ihnen verbreiterte sich der Schotter zu einer Abzweigung unter einem verblichenen Schild.
BRIAR JUNCTION.
Das Cabrio verschwand für sechs oder sieben Sekunden hinter einem Wellblechschuppen. Eine Beifahrertür schlug dumpf zu. Im Spalt bewegte sich ein zweiter Schatten, geduckt und schnell, und zog die beiden flachen Koffer durch eine offene Servicetür. Dann schoss der Wagen wieder ins Sichtfeld, der Beifahrersitz leer. Finn nahm die Veränderung wahr, ohne sie zu begreifen; Jude schnitt da schon quer über den Wall.
Jude sah die Lücke zuerst. Er sah die Lücke immer zuerst. Er riss das Rad hart über einen niedrigen Wall, die Reifen fraßen sich durch das Unkraut, und zielte darauf, dem Cabrio den Weg abzuschneiden, bevor es zurück Richtung Stadt schwenken konnte. Es war viel zu aggressiv und wahrscheinlich dumm, aber es funktionierte trotzdem. Es zwang den Dieb zu reagieren.
Die Bremslichter flammten auf. Der Wagen schlingerte quer, kam abrupt zum Stehen, und die Tür flog auf.
Der Fahrer sprang in einer einzigen fließenden Bewegung heraus, die Füße schon im Lauf, kaum dass sie den Kies berührten. Mittelgroß, kompakt, in seinen Bewegungen wie jemand, der schon öfter vor Dingen davongelaufen war. Er rannte über die offene Fläche auf den schwarzen Spalt zwischen einem Wellblechschuppen und dem steilen Bahndamm zu.
Und dann, am Eingang dieser Lücke, blieb er stehen.
Er drehte den Kopf und sah zu ihnen zurück.
Nicht verängstigt. Nicht gehetzt. Er nahm sich eine halbe Sekunde, die er sich eigentlich nicht leisten konnte, und in dieser halben Sekunde betrachtete er die beiden Jungen und ihre Fahrräder, als wären sie ein Wetterbericht, den er längst gelesen hatte. Ausdruckslos. Unbeeindruckt. Fast ein wenig gelangweilt, als würde er sie innerlich unter einer Rubrik ablegen, um die er sich später kümmern würde. Dann trat er in die Dunkelheit zwischen Schuppen und Bahndamm, und die Schatten schlugen über ihm zusammen wie Wasser.
Der Wagen stand da, die Tür offen, der Motor tickte leise vor sich hin.
Etwas Kaltes kroch Finn den Nacken hinunter, und das hatte nichts mit dem Wind zu tun, der von den Gleisen herüberwehte. Diebe rannten. Diebe gerieten in Panik. Diebe blieben nicht stehen, um sich dein Gesicht einzuprägen, als hätten sie alle Zeit der Welt.
Jude schlitterte heran und sprang von seinem Fahrrad. „Ich hab ihn!“
„Warte.“ Finn bremste hart neben ihm, die Brust hob und senkte sich wie ein Trommelfell. „Jude. Warte.“
Aber Jude war schon drei Schritte in der Lücke verschwunden und kniff die Augen zusammen, um in die Dunkelheit zu spähen. Dahinter konnte Finn kaputte Paletten und Müll erkennen und weiter hinten ein Gewirr aus Weichen und Wartungstunneln, in die keiner von ihnen je einen Fuß gesetzt hatte.
„Wir wissen nicht, was da hinten ist“, sagte Finn und packte seinen Bruder an der Schulter. „Und dieser Blick hat mir ganz und gar nicht gefallen.“
Judes ganzer Körper war noch immer zum Sprint angespannt. Einen Moment lang stemmte er sich gegen Finns Griff. Dann wich der Kampf aus ihm, und er stieß den Atem aus.
„Na gut“, sagte er. „Aber er entwischt uns.“
„Nicht mit dem Auto. Im Moment ist das der wichtige Teil.“
Gemeinsam gingen sie zu dem Cabrio hinüber. Aus reiner Gewohnheit zwang Finn sich, stehen zu bleiben und erst einmal nur hinzusehen, bevor er irgendetwas berührte. Erst schauen, dann anfassen. Ihr Vater hatte es so oft gesagt, dass es inzwischen nicht mehr in Finns Kopf lebte, sondern in seinen Händen. Es war keine Regel mehr. Eher ein Herzschlag.
Fahrersitz leer. Die Schlüssel schwangen noch im Zündschloss. Und dort, auf dem Boden vor dem Beifahrersitz, halb unter der Gummimatte, lag ein schmales Metallwerkzeug mit einem kleinen Hartmetallrädchen an einem Ende und einem Griff, der genau in eine Hand passte.
Finn ging in die Hocke und hielt die Finger weit davon entfernt. „Das ist ein Glasschneider. Ein guter. So was nimmt keiner mit, um ein Auto zu klauen.“
„Warum liegt er dann in einem geklauten Auto?“, sagte Jude. Es klang nicht wirklich wie eine Frage.
Finn umrundete den Wagen bis zur Fahrertür. In der Metallverriegelung des Griffs hatte sich etwas verfangen, und vor dem blauen Lack stach es hervor wie ein Warnsignal. Ein einzelnes Haar. Nicht braun, nicht blond, nicht dieses rotbraune Irgendwas, das manche höflich als kastanienbraun bezeichneten.
Rot. Richtig rot. So rot wie ein Wachsmalstift, den irgendwer Feuerwehr genannt hatte.
Jude beugte sich neben ihn und betrachtete es. „Okay. Das ist eine Perücke.“
„Vielleicht.“
„Finn. Niemandem wachsen Haare in dieser Farbe. Das ist Kostümladen-Rot. Er will, dass wir auf die Haare achten, nicht auf sein Gesicht.“
Finn öffnete den Mund, um etwas Vorsichtiges darüber zu sagen, dass man keine voreiligen Schlüsse ziehen sollte. Dann dachte er daran, wie der Mann sich umgedreht und sie angesehen hatte, gelassen wie an einem Sonntagmorgen, und klappte ihn wieder zu. Jude konnte recht haben. Jude hatte ärgerlicherweise ziemlich oft recht.
Jude tippte die Kamera seines Handys an und machte eine Aufnahme aus der Distanz und eine Nahaufnahme des Haars, genau dort, wo es lag. „Das schwer zu fassende rote Haar“, murmelte er trocken und ernst, als würde er eine Naturdoku kommentieren, „beobachtet in seinem natürlichen Lebensraum.“ Finn griff nach zwei sauberen Zip-Beuteln im Erste-Hilfe-Fach seines Fahrradsets, hielt dann aber inne. „Nein. Wir lassen es, wo es ist.“ Er stellte beide Fahrräder zwischen die Beweise und den stärksten Wind, fotografierte den Glasschneider aus drei Winkeln und hielt die Finger von der Verriegelung fern.
Zwei Beweisstücke. Und deutlich mehr als nur eine Frage.
Jude starrte in die schwarze Lücke, in der der Mann verschwunden war. „Wir könnten ihn immer noch kriegen.“
„Wir könnten auch in die Falle laufen“, sagte Finn und zog bereits sein Handy heraus. „Da hinten könnte noch jemand sein. Mir ist es lieber, der Polizei ein Auto zu liefern, als auf ein Loch zu zeigen und zu sagen: Glaubt uns einfach.“
Er meldete es. Zufahrtsstraße bei Briar Junction, Küsten-Bahnlinie, ungefähr zwei Meilen östlich vom Bahnhof, nach dem Efeu am Meilenstein Ausschau halten. Gestohlenes Cabrio, wiedergefunden. Fahrer zu Fuß Richtung Böschung geflohen. Zwei Kinder auf Fahrrädern, zwei Beweisstücke noch vor Ort, nichts angefasst.
Die Stimme der Disponentin kam ruhig und ehrlich zurück. „Streifenwagen ist unterwegs. Zwölf Minuten. Folgen Sie ihm nicht. Bleiben Sie, wo Sie sind.“
Finn legte auf. „Zwölf Minuten.“ Er sah auf seine zerkratzte analoge Uhr und prägte sich die Zeit ein. Sein Handy war ein Sumpf aus Benachrichtigungen und Akkuwarnungen. Die Uhr gab ihm eine einzige klare Sache: die Uhrzeit. Sonst nichts.
Jude trat einen losen Stein ins Unkraut. „In zwölf Minuten ist er zwei Meilen weit weg.“
„Oder er sitzt in einem Tunnel, von dem wir nicht wissen, dass es ihn gibt, und sieht uns beim Warten zu.“ Finn schob sein Handy in seinen Rucksack. Ihm gefiel nicht, wie mühelos ihm diese zweite Möglichkeit über die Lippen gekommen war.
Also warteten sie. Das Cabrio knackte leise, während es abkühlte. Eine Möwe glitt über sie hinweg, lautlos und neugierig. Finn stützte sich auf seinen Lenker, und weil seine Hände nichts zu tun hatten, suchten seine Augen nach einer Aufgabe.
Der Job, den sie gefunden hatten, sah so aus.
Die Zufahrtsstraße endete hier bei Briar Junction in einer groben Wendefläche aus Kies. Auf der anderen Straßenseite lag, weit zurückgesetzt, eine alte Reihe verrammelter Geschäfte. Auf der Gleisseite öffnete sich der Korridor zu Gestrüpp und Maschendrahtzaun, und die beiden Schienenstränge liefen landeinwärts davon, gerade wie ein Linealstrich, gezogen von jemandem, der Kurven persönlich hasste. Keine Häuser lagen mit Blick auf die Gleise. Keine Verkehrskameras waren auf die Wendefläche gerichtet. Hier draußen gab es nichts außer Schienen, Kies und einem toten Gleis, das auf einen verschwommenen Schleier aus morgendlichem Dunst zulief.
Und ganz am Ende dieser schnurgeraden Sichtlinie, über den Baumwipfeln aufragend wie ein rostiger alter Wachposten, den man auf seinem Platz vergessen hatte, stand der Wasserturm. Seit Jahren außer Betrieb. Die Hälfte der Leitersprossen fehlte. Am Tank klebten graue Grundierungsflecken dort, wo die Farbe abgeblättert war.
Finn sah vom Wagen zum Turm. Dann wieder zum Wagen. Dann bekam sein Verstand endlich dieses Kratzen zu fassen, dem er seit Harbor Row hinterhergejagt war, und sprach den Gedanken aus, bevor Finn ihn aufhalten konnte.
„Warum hier?“
Jude sah zu ihm hinüber. „Was?“
„Der Highway liegt da drüben.“ Finn zeigte nach Westen, in Richtung des fernen Summens der Küstenstraße. „Die Fähre auch. Wenn du ein Auto klaust und verschwinden willst, stellst du es in der Nähe anderer Autos ab. Oder am Terminal, wo niemand genauer hinsieht.“ Er drehte sich langsam einmal um und nahm die Schuppen, den Kies und das ganze Nichts in sich auf. „Aber er hat uns bis hier raus gelockt. Warum?“
Jude antwortete nicht sofort. Er ging zur vorderen Stoßstange des Cabrios und stellte sich genau an die Stelle, an der der Mann gestanden hatte, bevor er losgerannt war. Von dort aus, den Korridor entlang gesehen, gab es nur eine Sache, auf die man blicken konnte.
Die Gleise zeigten direkt auf den Turm. Wie ein Pfeil. Als wären sie genau dafür verlegt worden.
„Er wollte nicht vom Hafen weg“, sagte Jude leise, und ausnahmsweise war jeder Scherz aus seiner Stimme verschwunden. „Er wollte zu etwas hin. Zu etwas, von dem er wusste, dass es hier ist.“
Finn trat neben ihn, und gemeinsam sahen sie die stille Schienenlinie hinunter zu dem dunklen Turm vor dem heller werdenden Himmel. Zu weit entfernt, um ihn zu Fuß zu erreichen, bevor ihn jemand einholen konnte. Zu abgelegen, um Zufall zu sein.
Hinter ihnen stand das Cabrio mit offener Tür und baumelnden Schlüsseln, leer bis auf den Geist eines Mannes, der ihnen ein Werkzeug zum Glasschneiden hinterlassen hatte, ein einziges unmögliches rotes Haar und einen Blick, von dem Finn schon jetzt wusste, dass er ihn heute Nacht wiedersehen würde, sobald er die Augen schloss.
Irgendwo weiter unten auf den Gleisen ertönte erneut das Horn des Zuges, lang gezogen und tief.
Und dort draußen, am Fluchtpunkt, wartete der alte Turm auf das, wofür der Mann mit den roten Haaren den ganzen Weg hierhergekommen war.
Kapitel 2 - Was die Polizei behalten darf
Die Polizeiwache von Port Arbor roch nach verbranntem Kaffee und dem rosa Zeug, mit dem sie die Böden wischten. Finn saß auf einem Plastikstuhl in Haferbreifarbe und starrte die beiden Beweismittelbeutel auf dem Tresen an wie ein Hund ein Sandwich, das er nicht haben durfte.
In den Beuteln: der Glasschneider und das einzelne rote Haar, jedes genau dort, wo die Spurentechnikerin es hingelegt hatte, nachdem sie es aus dem Wagen gesichert hatte. Alles, wofür er und Jude an diesem Morgen Kopf und Kragen riskiert hatten.
Er hatte zugesehen, wie die Technikerin sie vor zwanzig Minuten auf der anderen Seite des Tresens versiegelt hatte. Es gefiel ihm immer noch nicht. Noch weniger gefiel ihm, dass die Gegenstände in dem Moment, in dem die Siegel drauf waren, nicht mehr ihm gehörten, um sie zu entschlüsseln.
Neben ihm trommelte Jude mit der Ferse gegen das Stuhlbein. Schnell. Schneller. Dann im doppelten Tempo, wie ein Schlagzeugsolo, nach dem niemand gefragt hatte.
„Hör auf“, sagte Finn.
„Ich verarbeite das.“
„Du vibrierst.“
Chief Colter kam aus einem Seitenbüro und zog seinen Dienstgürtel hoch, als hätte der ihn persönlich enttäuscht. Er war ein großer, müder Mann, der eindeutig schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen gewesen war. Hinter ihm kam Detective Mudge, die Daumen bereits auf einem Tablet in Bewegung, ohne aufzusehen.
„Geh es mit mir durch“, sagte Colter. „Noch einmal.“
Also tat Finn es. Der öffentliche Parkplatz am Stern Wharf. Chase’ Cabrio, das ohne Scheinwerfer losfuhr. Die beiden flachen schwarzen Koffer auf der Beifahrerseite, der kurze tote Winkel hinter dem Wellblechschuppen und die Koffer, die verschwunden waren, als der Wagen wieder ins Sichtfeld kam. Dann die Verfolgung bis Briar Junction, wo der Fahrer den Wagen stehen ließ und in der Dunkelheit zwischen Schuppen und Böschung verschwand.
„Mittlere Größe“, sagte Finn. „Kompakt. Lief wie jemand, der trainiert ist. Wir haben den Glasschneider im Fußraum gefunden und das rote Haar im Türschloss.“
Mudge sah endlich auf. „Ihr habt Fotos gemacht, bevor irgendjemand die Sachen berührt hat?“
„Ja. Wir haben beides an Ort und Stelle gelassen.“
„Und seid beim Wagen geblieben, bis die Streife eingetroffen ist?“
„Die ganzen zwölf Minuten.“
Mudge notierte es. Er notierte alles. Finn hatte das seltsame Gefühl, dass Mudge sogar ein Niesen protokollieren würde, falls er nieste.
Colter nahm den Beutel mit dem Glasschneider und drehte ihn im Licht. Er öffnete ihn nicht. Für einen hoffnungsvollen Moment dachte Finn: Er sieht es. Er sieht, dass das Ding zu gut ist, zu präzise, zu teuer, um das Brecheisen irgendeines Autodiebs zu sein.
Dann legte Colter ihn in eine graue Plastikschale und unterschrieb einen Aufkleber, den eine Sachbearbeiterin über den Tresen schob.
„Sichergestelltes Eigentum“, sagte er. „Aus dem Fahrzeug. Gehört jetzt uns.“
Er sagte es freundlich. Das war das Schlimmste daran. Es gab keine Regel, gegen die Finn argumentieren konnte, keinen Fehler, auf den er zeigen konnte. Es war einfach vorbei.
„Das war keine Spritztour“, sagte Jude und beugte sich vor. „Der Fahrer wusste genau, wohin er wollte. Er ist direkt auf die Bahnstrecke zugefahren.“
„Deshalb ist die Streife ja gerade draußen“, sagte Mudge. Er klang nicht beeindruckt. Aber auch nicht genervt. Er klang wie eine Wand, die sprechen gelernt hatte. „Der Wagen wird zur Spurensicherung abgeschleppt. Wir haben einen Wagen an den Zufahrtsstraßen. Ihr zwei habt das gut gemacht. Jetzt lasst uns den Rest erledigen.“ Er klickte seinen Kugelschreiber. „Und bleibt weg vom Bahngelände.“
Finn öffnete den Mund. Er hatte schon eine ganze Rede parat, über die Prägung auf dem Schneidwerkzeug und darüber, wofür so ein Teil eigentlich gedacht war.
Colter wandte sich bereits ab.
Nicht unhöflich. Nur fertig mit ihnen. Die höflichste Tür, die Finn je vor der Nase zugeschlagen bekommen hatte.
Draußen war der Nachmittag weiß und heiß geworden, und der Asphalt warf ihnen das grelle Licht entgegen. Jude riss sein Rad so heftig vom Ständer, dass die ganze Reihe klapperte.
„Die haben das aufgenommen, als wäre es nichts“, sagte er. „Als wäre es ein verlorener Regenschirm.“
„Die haben es aufgenommen, als würde es ihnen gehören“, sagte Finn und schloss sein eigenes Rad auf. „Weil es das jetzt tut.“
„Wir haben immer noch die Fotos.“
„Haben wir.“ Finn schwang ein Bein über den Sattel. „Wir haben kein Labor. Wir haben nicht das echte Schneidwerkzeug. Wir haben die Fotos und alles, woran wir uns erinnern können, bevor es verschwimmt.“
Jude trat neben ihm in die Pedale, als sie in die Cypress Lane einbogen; rechts von ihnen klirrten die Masten im Hafen leise im Wind. „Und was jetzt? Wir fahren nach Hause und sitzen rum?“
„Wir fahren nach Hause und schreiben auf, was wir gesehen haben. Schnell, bevor es unscharf wird.“ Finn stellte sich auf die Pedale, als es am Breakwater Park den Hügel hinaufging. „Und morgen, bei Tageslicht, sehen wir uns die Teile von Briar Junction an, die jeder betreten darf.“
„Seit wann willst du stillsitzen, während ein Fall kalt wird?“
„Seit uns schnell beinahe mit ihm in einen Tunnel gebracht hätte.“
Jude machte ein Geräusch wie ein Reifen, aus dem die Luft entwich. Aber er bog nicht ab. Er fuhr den ganzen Weg neben Finn her, vorbei an der Eisdiele, die sich für den Abendandrang bereitmachte, vorbei an einer Frau, die an der Ufermauer einen Hund von der Größe eines Brotlaibs ausführte.
Alles sah vollkommen normal aus. Genau das ließ Finn nicht los. Ein Profiwerkzeug. Eine einstudierte Flucht. Eine ganze Polizeidienststelle, die an einem Sonntag zu beschäftigt war, um zu sehen, was er sah. Und die Stadt machte einfach weiter, aß Eis, als hätte sich der Boden nicht ein kleines Stück unter allen Füßen verschoben.
Ihr Haus stand am Ende einer Straße, die in der Salzmarsch auslief, die Zedernschindeln vom Wind silbergrau gebleicht. Der Truck ihres Vaters stand nicht in der Einfahrt. Gavin Mercer verwaltete Lagerbestände, installierte und wartete elektronische Sicherheitssysteme im Lagerhaus für Marinebedarf, was bedeutete, dass er selbst an einem Sonntag irgendwo mit einem Klemmbrett und einem schlechten Radiosender unterwegs sein konnte. Die Jungs hatten das Haus für sich.
Sie blieben nicht unten.
Oben in dem Zimmer, das sie sich teilten, nahm Finn die Pinnwand, die sie sonst für Schulprojekte benutzten, von der Wand und lehnte sie neben den Schreibtisch. Er ließ sich auf den Stuhl fallen, schnappte sich einen Stift und den Spiralblock aus dem Regal und begann mit ihrer ersten richtigen Ermittlungswand. Jude ließ sich mit seinem Handy auf das untere Etagenbett plumpsen.
„Lies mir vor, was du hast“, sagte Finn. „Das Haar.“
„Rotes Haar. Also, richtig wachsmalstiftrot.“ Jude kniff die Augen zusammen, starrte auf das Foto und verzog das Gesicht. „Meine Nahaufnahme ist totaler Müll. Sieht aus wie ein verschmierter roter Farbfleck.“
„Du hattest noch die Makroeinstellung von der Zikaden-Sache drin.“
„Ich habe versucht, mein Handy nicht in den Gully fallen zu lassen, danke.“ Judes Ohren wurden trotzdem ein wenig rosa. „Schreib es aus dem Gedächtnis auf. Es war richtig rot. Nicht kastanienrot. Künstlich rot. Perückenrot.“
Finn schrieb es auf. Rotes Haar, im Verschluss hängen geblieben. Zu rot. Vielleicht nicht echt. Darunter setzte er: Glasschneider. Er rief sein eigenes Foto auf, das tatsächlich etwas geworden war, und las den Aufdruck auf dem Gehäuse ab.
„Kestrel Precision“, sagte er und schrieb die Buchstaben sauber hin. „Das ist eine echte Marke. Kein Werkzeug aus dem Baumarkt.“
Er tippte eine Suche in sein Handy. Das oberste Ergebnis war eine Produktseite. Er scrollte durch die Beschreibung und las sie laut vor, knapp und schnell.
„Hochsicherheitsvitrinen. Museumsglas. Verstärkte Schaufenster.“ Er sah auf. „Das ist nicht für Autoscheiben. Damit kommt man in Dinge rein, für die Leute viel Geld bezahlt haben, damit sie verschlossen bleiben.“
Jude setzte sich auf. „Dann weiß derjenige, der das Auto gestohlen hat, wie man Sicherheitsglas schneidet.“
„Dann war das Auto nicht der eigentliche Job. Es war Schritt eins.“
Finn tippte auf einen zweiten Link, einen Forenthread über hochwertige Öffnungswerkzeuge. Die Seite lud halb und sprang dann auf ein blaues Schild um. Zugriff eingeschränkt. Angemeldeter Benutzer: F. Mercer. Er ging wieder zurück.
„Gesperrt, war ja klar“, sagte er. Ihr Vater hatte den Filter so eingestellt, dass er alles plattmachte, was auch nur entfernt nach Einbruch roch, und dabei verpetzte er einen auch noch. Den Streit war es nicht wert. Sein Blick wanderte zum Bücherregal über seinem Bett. „Warte. Ich habe mir was für den Berufsaufsatz ausgeliehen. Ein Buch. Bücher petzen nicht.“
Er griff nach oben und zog ein dickes Taschenbuch herunter, das ihm die Schulbibliothek geliehen hatte und das noch nach Laminiergerät roch. Mid-Atlantic Security and Glass Systems Reference. Er schlug den Index auf und fuhr mit dem Finger bis K hinunter.
„Kestrel“, las Jude über seine Schulter hinweg. „Zweihundertvierundzwanzig.“
Finn blätterte zu der Seite. Da war es, dasselbe Werkzeug, dieselben technischen Daten, plus eine Fußnote, die die Website sich gespart hatte. Er las sie vor. „Nur für Fachkräfte in Installation und Wartung. Zum Schneiden von Verbundglas, ohne es zerspringen zu lassen, ist eine besondere Schulung erforderlich.“
Jude stieß einen leisen Pfiff aus. „Dann ist derjenige, der das Auto gestohlen hat, geschult. Oder er hat einen Job, bei dem dieses Werkzeug Sinn ergibt.“
„Oder sie.“ Finn dachte an das rote Haar, das jetzt am anderen Ende der Stadt in einem Polizeibeutel versiegelt war, statt hier zu liegen, wo er es sich ansehen konnte. „Das Haar ist zu rot, um ihm zu trauen. Vielleicht ist es eine Perücke. Schreib ‚mögliche Perücke‘ mit Fragezeichen.“ Er klappte das Buch mit einem leisen Geräusch zu. „Das wissen wir.“
Er schrieb vier Zeilen auf und heftete sie an die Pinnwand. Der Cutter. Das Haar. Zwei flache Koffer hinter dem Schuppen verschwunden. Briar Junction, nur bei Tageslicht, nichts anfassen. Dann setzte er die Kappe auf den Stift.
„Das war’s“, sagte er. „Mehr haben wir nicht. Es ist dünn.“
„Aber es ist echt.“ Jude beugte sich vor und klaute eine kalte Pommes von einem Teller, der seit dem Mittagessen auf dem Schreibtisch stand. „Können wir dann los? Solange es noch hell ist?“
„Nein. Nicht im Dunkeln.“ Finn sah zum Fenster. Der Himmel über dem Marschland war flach und dunkel geworden, das letzte Licht floss daraus ab wie Wasser in einem trägen Abfluss. „Wir würden alles zertrampeln, was die Polizei übersehen hat. Morgen. Bei Sonnenaufgang.“
Jude öffnete den Mund, um zu widersprechen.
„Du kannst die Stirnlampen einpacken“, sagte Finn.
Jude machte den Mund wieder zu. „Na gut. Sonnenaufgang. Aber ich packe die Stirnlampen ein.“
„Das habe ich gerade wortwörtlich gesagt.“
„Ich erkläre es zu meiner Idee.“
Finn musste fast lächeln. Er warf einen Blick auf seine Uhr, die alte analoge mit dem zerkratzten Glas, die ihrem Großvater gehört hatte. Später, als es sich anfühlte. Das war um diese Jahreszeit immer so.
Jude war schon halb dabei, eine Sporttasche mit Müsliriegeln und Wasserflaschen vollzustopfen, weil sein Kompromiss mit dem Warten offenbar darin bestand, zwanzig Kilo Snacks einzupacken, als sein Handy auf der Matratze vibrierte.
Er griff danach. Seine Augenbrauen zogen sich zusammen.
„Perry“, sagte er.
„Was will er?“
Jude las vor. „‚yo warum stehen da streifenwagen beim industriehof. überall blaulicht. geht’s euch gut??‘“
Finn erstarrte. „Sag ihm, es ist Routine. In der Nähe vom Hafen wurde ein Auto geklaut, der Fahrer ist Richtung Bahnlinie abgehauen.“
Jude tippte es ein. Die Punkte erschienen fast sofort wieder.
„‚ok. hat mich voll erschreckt. mein dad ist letzte nacht mit der bäckereilieferung da langgefahren. meinte, die straße zum anwesen war komplett ruhig. jetzt seh ich die streifenlichter von meinem fenster aus.‘“
Jude legte das Handy langsam ab. Er sah Finn an.
„Neil Rowan macht die Wartungsarbeiten oben im Wexler Tower House“, sagte er. „Einige der Straßen auf dem Anwesen führen direkt am alten Bahnkorridor vorbei. Das sind vielleicht zwei Meilen von Briar Junction.“
„Perry hat Angst um seinen Dad“, sagte Finn. „Mehr ist das nicht.“
„Ich weiß. Aber drei Kilometer sind komisch.“ Jude rieb sich den Nacken. „Perry sieht Streifenlichter aus seinem Fenster und denkt, am Industriehof ist was passiert. Wahrscheinlich ist es nichts. Wahrscheinlich suchen die Cops nur die Strecke ab, auf der der Typ abgehauen ist.“
„Wahrscheinlich“, sagte Finn.
Trotzdem schrieb er ganz unten auf die Seite noch eine kurze Zeile. Neil kam auf seiner Bäckereitour in der Nacht am Hof vorbei. Perry sah am nächsten Morgen die Lichter von Streifenwagen. Und ihm gefiel nicht, wie das aussah, dort unter den anderen Zeilen. Zwei Meilen waren nicht weit. Nicht, wenn jemand absichtlich direkt auf die Bahnlinie zugesteuert war.
Jude zog den Reißverschluss der Sporttasche zu und stellte sie wie eine Herausforderung neben die Tür. Der Raum fühlte sich eng und flirrend an, so wie die Luft kurz vor einem Gewitter, jede Brechstange und jede Flasche in dieser Tasche ein kleines Versprechen, dass der Morgen ihnen etwas liefern würde.
Dann gingen beide Handys gleichzeitig los.
Es war ein schriller, hässlicher Ton, die Art von Warnsignal, bei der die Stadt sofort deine Aufmerksamkeit wollte. Jude griff nach seinem Handy. Finn las seine eigene Meldung.
PORT ARBOR BULLETIN: Sicherheitsvorfall im Wexler Tower House wird geprüft. Kein Diebstahl bestätigt. Polizei geht Meldungen über einen Herumtreiber nahe der Zufahrtsstraße zum Anwesen nach.
Finns Herz schlug schneller. Er öffnete die Karte und tippte Wexler Tower House ein. Die Markierung erschien nordöstlich der Stadt, weit oben auf einer bewaldeten Anhöhe über der alten Bahnkreuzung. Er zoomte heraus. Wieder hinein. Maß den Abstand zwischen zwei Fingern.
„Finn“, sagte Jude. Jetzt leise. Ohne Spott.
„Ich sehe es.“
Das Wexler Tower House lag knapp zwei Meilen von Briar Junction entfernt, dicht an den alten Zufahrtswegen. Nah genug, dass jemand in Chase’ gestohlenem Wagen den Korridor auskundschaften, am Industriehof vorbeigleiten und in wenigen Minuten die rückwärtige Zufahrt des Anwesens erreichen konnte. Nah genug, dass ein Glasschneider für Museumsvitrinen plötzlich auf widerliche Weise Sinn ergab.
„Du glaubst, der Wagen hängt damit zusammen“, sagte Jude. Es war keine wirkliche Frage.
Finn sah auf die Karte. Auf die kleine Markierung auf der bewaldeten Anhöhe. Auf die Linie des Bahnkorridors, die in Richtung Wasserturm verlief, den sie beide an diesem Morgen angestarrt hatten, ohne zu wissen, warum er wichtig war.
„Ich glaube, der Wagen war für eine Erkundungsfahrt gedacht“, sagte er langsam. „Er hat ihn bei Briar Junction abgestellt, weil Briar der Punkt war. Nicht die Flucht.“
„Also war der Diebstahl des Wagens nicht der eigentliche Job.“
„Nein.“ Finns Mund war trocken geworden. „Er war Teil von etwas Größerem. Etwas, das die Bahnlinie und einen Glasschneider braucht.“
Er starrte auf die Straßen und Schienen, die sich auf dem kleinen Bildschirm ineinander verschlangen, ein Netz, das er noch nicht ganz lesen konnte. Und irgendwo in diesem Netz, zwei Meilen von einem abgestellten Cabrio entfernt, lag ein Anwesen mit einem Turm und einem Herumtreiber. Und ein Hausmeister namens Rowan, dessen Bäckereitour ihn in der Nacht, in der der Alarm des Anwesens ausgelöst worden war, am Industriehof vorbeigeführt hatte.
Finn dachte an das rote Haar, versiegelt in einem Polizeibeutel, wo er es vielleicht nie wieder zu Gesicht bekommen würde.
Unten flog die Haustür krachend auf.
„Jungs?“, rief ihr Vater nach oben. In seiner Stimme lag etwas, das Finn fast nie hörte. Nicht bei Gavin, dem ruhigsten Mann in ganz Port Arbor. „Ihr zwei. Runterkommen. Sofort. Bringt das Notizbuch mit.“
Jude und Finn sahen einander an.
Einen Moment lang bewegte sich keiner von ihnen.
Dann setzten sie sich beide gleichzeitig in Bewegung.
Kapitel 3 - Der alte Turm
Das Telefon in der Küche klingelte, noch bevor Finn die u